Gerten Goldbeck „ Die Metrik der Städte „Wie, wenn unsere Zeichen ebenso unbestimmt wären, wie die Welt, welche sie spiegeln?“ (Wittgenstein, 1:106)  Schon während des Philosophistudium lag mein Hauptinteresse bei der Sprache. Das hat sich auch im Kunststudium fortgesetzt. „Denk nicht, sondern schau!“ sagt Wittgenstein in den philosophischen Untersuchungen (S. 66). So habe ich mir die Sprache angeschaut. Bücher und Städte – das sind nicht nur metaphysisch Verwandte. Auch die Oberflächen ähneln sich. Der Rhythmus der Schrift, die geringen Möglichkeiten der Variation von Form und Bau (waagerechte und senkrechte Ausrichtungen, einzelne Räume bzw. Worte) – die Funktion steht fast immer vor der Ästhetik (Form follows function). Beim Zeichnen fiel mir die Metrik der Fassaden auf. So entstand eine Arbeit bei der auf Folie kopierte Schemata von Versmaßen über Lithografien von Hochhausfassaden gelegt wurden. Tatsächlich findet man riesige Formen von Hexameta, Limmerick und Co. in den Städten. Beim Zeichnen selbst versuche ich die „Schreibweise“ – wie Roland Barthes vielleicht sagen würde – der Städte zu ergründen. Es geht also nicht um die detaillierte, wieder erkennbare Abbildung einer Stadt, sondern um die Beschreibung des Textes „Stadt“. „Wie kann man durch Denken die Wahrheit lernen? Wie man ein Gesicht besser sehen lernt, wenn man es zeichnet.“ (Wittgenstein, Zettel 255). Dabei fand ich heraus, dass die Schreibweisen sich überall auf der Welt ähneln. Die Fassaden der Massenbehausungen sind in ihrer Metrik überall gleich. Es geht also nicht um die folkloristische Darstellung von Stadtlandschaften, sondern um die Ergründung der Metrik. Aber auch die Sprachbilder, die entstehen, wenn man Buchseiten betrachtet, die dann zu eigenen Bildern werden, haben mich viel beschäftigt. Wie die Steine von Mauern stehen die Buchstaben beieinander: Gemauerte Worte bauen das Texthaus. Wenn Worte zum Baustoff werden. Dann können auch Bücher zum Baustoff werden? Sie sind nicht nur inhaltlich lebenswichtig, auch ihre ästhetische Form und Beschaffenheit ist faszinierend. So untersuche ich seit einigen Jahren die Möglichkeiten, die der Rohstoff „Buch“ zur konkreten ästhetischen Auseinandersetzung bietet. Zuerst entstanden sogenannte „Dekonstruktionen“, angelehnt an den Begriff der Dekonstruktion der postmodernen Philosophen. Das meint nicht Destruktion, also Zerstörung. Es meint eher so etwas wie „Entlarvung“ oder „Zerlegung“. Lyotard spricht davon, dass es darum gehen müsse, das Nichtsichtbare sichtbar zu machen. Ähnliches meint vielleicht auch Wittgenstein: „Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden“ (TL, Bd 4 1212). So entstehen immer mehr Werke aus dem Werkstoff „Buch“: kleine Skulpturen und Reliefs, die ausschließlich durch Buchbindeleim zu neuen Aussagen zusammen gefügt werden. Parallel dazu entstehen seit 2010 die „Poems of the global village“. Es handelt sich um Druckgrafik, die sich mit der Oberfläche von Wolkenkratzern aus verschiedenen Städten der Welt beschäftigen. Ich versuche also die Architektur als Text sichtbar zu machen, die Metrik der Städte zu verdeutlichen und zu erforschen.   Gerten Goldbeck Herbst 2011 Die Metrik der Städte Gerten Goldbeck